Donnerstag, 13. März 2008

Von Nieselregen, Trampen by Truck und einer beeindruckenden polnischen Hauptstadt

Episode 2 .. folgt nun wirklich gleich, heute bin ich mal richtig fleissig :o)


Also, von den Festen hab ich berichtet. Von den Reisen noch nicht. Waehrend der letzten Wochenenden hat es mich selten "nur" in Kaunas gehalten, ich bin einige Male nach Vilnius gefahren, einmal auch mit Anne, EVS aus Deutschland, zum Kasiukas-Markt (oder soaehnlich) ... einem riesigsten Markt mit hunderttausend Staenden mit Kunsthandwerk und auch Touristenzeug. Hat sich ausgezahlt :)


Dann, die naechste groessere Reise hab ich grad hinter mir ... und zwar 5 Tage in Polen. Am Samstag gings los, natuerlich per Trampen, am Anfang war ich doch etwas skeptisch, wie 400 km trampen funktionieren werden und befuerchtete bereits, dass wir um 10 Uhr abends in the middle of nowhere irgendwo in Polen festsitzen und nicht weiterkommen.Als wir dann aber kurz darauf in einem gemuetlich-warmen Truck sassen, der uns ueber 200 km weit mitnahm, verflogen meine Zweifel im Nu ... ich sags euch, Trampen in Polen ist echt einfach und es ging viel viel schneller als gedacht und schwuups, haben wir die polnische Hauptstadt erreicht.


Von Warschau hab ich bisher nur gehoert ... graue dunkle triste Stadt ... es gibt nix zu sehen ... polnisch eben ... muss man nicht hin.Das alles kann ich widerlegen und nur sagen - da muss man hin! :)Ich habe selten zuvor eine so spannende, wunderschoene Stadt erlebt und noch dazu eine, die nach dem Krieg zu 85 Prozent zerstoert war und wieder aufgebaut wurde ... Wahnsinn.


Wir waren 3 Tage lang von frueh bis spaet unterwegs ... Altstadt, Neustadt, Parkanlage und Schloss Wilanow, Chopin-Museum, Kunstgalerie, polnische Volkskueche, sauteures polnisches Luxuscafe, langer Rundgang im juedischen Viertel (ich fuehlte die Geschichte dieser Stadt oft sehr praesent, vieles im ehemaligen Ghetto wirkte nach wie vor stark auf mich, sehr bewegend, sehr sehr erschreckend), Praga (der einzige Teil der Stadt, der nicht zerstoert wurde), abends in supergemuetlichen polnischen Bars ...

Nach 3 Tagen waren wir alle ganz schoen muede :o)


Eine weitere Reise wird's fuer mich dann Ende Maerz geben, da gehts dann los nach Norwegen, nach Oslo. Freu mich schon sehr :)


Eine Reise der etwas anderes Art liegt ebenfalls hinter mir, und zwar der Umzug in eine neue Wohnung. Bis heute habe ich nicht begriffen, warum wir aus der alten schoenen Wohnung ausziehen mussten, ewig lange haben wir (meine Mentorin hauptsaechlich) gesucht ... und vor 2 Wochen sind wir in unser tolles neues Heim umgezogen!
Perfekte Lage mitten im Zentrum, und der Luxus von riesigen Zimmern (meines ist wieder mal Partyroom :o)), Mikrowelle, Wasserkocher und ... tatatarataa - Waschmaschine!! :)
Diese mag mich aber uebrigens nicht, und ich sie auch nicht mehr. Gestern hat sie mich mit einer Wasserfontaene und Waschmittel bespritzt (kann ich doch nicht wissen, dass man eine Waschmaschine nicht oeffnen soll, wenn sie eingeschaltet ist!), heute hat sie schlichtweg beim Schleuderprogramm gestreikt und ich habe tropfnasse Waesche zum Trocknen aufgehaengt. Naja, vielleicht ist es auch nicht ihre Schuld, sondern ... ein bisschen auch meine. Man merkt irgendwie, dass das meine erste hautnahe Begegnung mit einem solchen Geraet ist :o) Jaja, auch so wird man selbststaendig, Mama ... *smile*


Mein Zimmer ist sooo gross, dass es langsam zum Hostel wird, die Gaeste geben sich beinahe schon die Tuerklinke in die Hand ... kaum gehen welche, kommen auch schon die naechsten. Mir macht es Spass :o)


Uebers Wetter will ich gar nicht viele Worte verlieren ... in Warschau war es herrlich, der blaueste Bilderbuchhimmel den man sich nur vorstellen kann und fruehlingshafte 15 Grad ... hier in Kaunas: NIESELREGEN. Was sonst?!


Ja, ein Drittel meines EVS ist nun schon wirklich vorbei ... so oft habe ich das Gefuehl von "Leben pur" hier (das soll nicht heissen, dass mein Leben vor dem EVS nicht spannend oder ausgefuellt gewesen ist, auf keinen Fall ...) ... Anne hat mal gemeint, dass sie hier irgendwie naiver wird, vielleicht stimmt das auch, aber positiv gesehen.

Und es sind hier so viele starke Momente - in einem Truck zu sitzen, von dem polnischen Fahrer, der weder Deutsch noch Englisch kann, auf einen Kaffee eingeladen zu werden und durch Polen zu duesen. - Geimeinsam mit meinen Kids zu lachen und sich zu freuen, wenn wieder mal eines laut "Salaaaah!" (das "r" ist eben schwierig!) ruft. Wenn ich nichts zu tun habe, einfach in meiner LieblingsWG zu sitzen, Shisha zu rauchen, sich einfach gut zu fuehlen. Zu merken, wie sehr ich manche Menschen hier vermisse, wenn ich sie laenger nicht sehe, zu merken, dass sich auch hier nahe Freundschaften aufbauen werden.


Freiheit. Freude. Eindruecke. Spontaneitaet. Abenteuer. Leben pur.


Eure Sarah

"Sarah, sag mal, gibt's dich noch ...?" ...


... jaaaaaa, mich gibts noch! Aber, shame on me, mein letzter Eintrag ist sage und schreibe mehr als 5 oder gar 6 Wochen aus ... oi. Nun wird es aber Zeit, von den letzten Ereignissen zu berichten. Also los ...



5. Februar - habe ich die Litauer doch wieder mal unterschaetzt? Die sonst so verschlossenen, zurueckhaltenden Menschen sind - zumindest bei meiner Einrichtung Lopselis - nicht wiederzuerkennen. Alle sind verkleidet, Kids wie Sozialarbeiter und meine 4 Arbeitsstunden verbringe ich damit, gemeinsam mit ihnen durch das ganze (grosse!) Gebaeude zu ziehen als bunter Karnevalszug mit Akkordeonspieler und in jedem einzelnen Raum zu singen und tanzen und dabei jede Menge Suessigkeiten zu sammeln. Ich glaub, ich hab selten zuvor sooo viel gegessen ... Ausserdem bieten sie mir harmlosen "Erdbeersaft" an, der sich nach dem ersten grossen Schluck als litauischer Wodka entpuppt (es war so klar) und ja ... irgendwie sind alle ganz schoen verrueckt. Und irgendwie gefaellt mir das :)

13. Februar - ich beschliesse, den Valentinsttag konsequent zu ignorieren, ahne allerdings schon Schlimmes, als Vida, meine Chefin, mich bereits 40 rote Kartonherzen ausschneiden laesst ... und meine Ahnung taeuscht mich nicht ...



14. Februar - ... als ich am Valentinstag Lopselis erreiche, werde ich gleich mal mit roten Herzen beklebt, mit bunten Herzen bemalt und nebenbei versuche ich auch noch, rote Herzluftballons aufzublasen (natuerlich zerplatzt mir einer mitten im Gesicht und ich werde noch roeter ... :)) ... danach werden alle Kinder geschminkt (mit Herzen, was sonst!) und ich trinke Baileys. Und das um 10 Uhr morgens. Das ist auch Litauen.

Jaja ... wenn es Feste zu feiern gibt (welcher Anlass auch immer), sind die Litauer kaum mehr zu halten ... ich bin schon gespannt auf Ostern, das kann ich euch sagen!
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In Lopselis laueft es also - wie ihr lesen koennt - supergut. Es ist echt ein tolles Gefuehl, wenn Vida in der Frueh zu mir (!!) kommt und mich fragt, was wir heute machen werden. Irgendwie werd ich hier nicht nur zur Kindergaertnerin und Entertainerin, sondern auch zur Floristin und Dekorateurin ... seit Tagen sind wir mit der Fruehlingsdeko beschaeftigt, ich muss nicht mit den Kids rausgehen, Vida behaelt mich dauernd bei sich um meine Meinung zu hoeren. Die lautet meistens "Labai grazu".

Ich fuehle mich hier gebraucht und sinnvoll und wichtig und merke, dass ich immer unterstuetzt werde und meine Ideen sehr schnell umsetzen kann. Einiges habe ich schon allein mit den Kindern gearbeitet, oft helfe ich eben ... einige Ideen habe ich auch noch. Und es macht Spass!!! Hui :D

Montag, 18. Februar 2008

#12 Gescheiterter Iliniza-Gipfelsturm


Samstag, 6.00 Uhr früh: vier verschlafene Österreicher kriechen aus dem Bett und verlassen um 7.00 Uhr die Herberge in Ambato. Die Motivation ist groß, das Ziel klar: die Besteigung des 5120m hohen Iliniza Norte. Mit dem Bus geht’s erst mal zwei Stunden Richtung Quito, dann mit einem klapprigen Dorfbus weiter nach El Chaupi. Zuerst kauften wir in einem kleinen Supermarkt Proviant und Wasser ein, dann überredeten wir die Hausfrau eines Hostals, uns Kaffee zu kochen. Um halb elf saßen wir schließlich auf der Ladefläche einer sehr alten camioneta (Pick up), deren Funktionstüchtigkeit wir - nicht zu Unrecht - in Frage stellten und fuhren zum Fuße des Berges. Bei der turbulenten Fahrt über Stock und Stein und Bächlein wurden wir ordentlich durchgeschüttelt, eine kleine Erhebung auf der Straße verkraftete das Holzbänklein, auf dem wir saßen, nicht und – rums! - krachten wir runter. Den Rest des Weges verbrachten wir daher stehend, Unebenheiten der Straße mit Knien und Oberschenkeln ausgleichend. Dreimal mussten wir absteigen und der camioneta, die im Dreck steckenblieb, anschieben; einmal mussten wir ecuadorianische fünf Minuten (also 20) warten, weil das Gasseil gerissen war.
Um 11.15 Uhr begannen wir bei 3900m den etwas mehr als dreistündigen Aufstieg zu der Schutzhütte „Refugio Nuevos Horizontes“, auf der wir die Nacht verbringen wollten, um am nächsten Tag zum Gipfel des Iliniza Norte zu gehen. Durch schöne und grüne Vegetation führte uns der Weg die ersten zwei Stunden, bis wir durch dichten Nebel und anfangs Nieselregen, dann Hagel zu einem ungemütlichen und steilen Bergrücken aus Schotter kamen. Der Hagel entwickelte sich zu einem dichten Regen und nach einigen Höhenmetern mehr zu Schneefall. Jö, Schnee! Zum ersten Mal erlebte ich Schneien hier in Ecuador! Doch mein Entzücken war nur von kurzer Dauer. GoreTex hielt nicht das, was es verspricht, ebensowenig das wasserabweisende Material meines Rucksacks. Meine Baumwollhose war innerhalb von Minuten durchnässt und meine Finger waren klamm von der Kälte. (Das nächste, was ich mir in Otavalo kaufe, sind ordentliche und warme Alpaca-Fäustlinge; schwor ich mir und verfluchte meine fingerfreien Ein-Dollar-Kunstfaser-Halbhandschuhe.) Der Schnee kam mittlerweile senkrecht daher, wir marschierten erschöpft und langsam, da man auch die Höhe schon zu spüren bekam. Es war mir, als hätte ich Asthma, ich musste manchmal einfach innehalten und tief einatmen, da ich ein Gefühl von Überanstrengung oder Ersticken fühlte. Wir waren alle vier schon ziemlich am Limit, als sich endlich das rettende Dach der Schutzhütte aus dem Nebel löste. Überglücklich taten wir die letzten Schritte, unsere Beine schienen wie von selbst zu gehen und wir traten ein. Bei der auf 4700m gelegenen Hütte handelte es sich um einen provisorischen, ungeheizten, feuchten und sehr kalten Verschlag. Wir waren zwar alleine, aber unsere Vorgänger hatten deutliche Spuren hinterlassen; im gesamten Küchenbereich standen unabgewaschene Teller, Häferl und Essensreste herum. Wir richteten uns ein, zogen unser nasses Gewand aus (schwerer Fehler!), aßen Brot und viel Thunfisch, suchten aus den umstehenden Stockbetten Plätze für uns aus, breiteten unsere Schlafsäcke aus und krochen hinein, in der Hoffnung auf ein bisschen Wärme. Die Wände schimmelten grün und die Matratzen waren feucht. Trotz Hose, Fliespulli, Schlafsack und Decke wich die Kälte nicht von mir. Meine Finger waren so klamm, dass ich sie beinahe nicht mehr bewegen konnte und zum Öffnen der Plastikschnallen meines Rucksacks jeweils zwei Hände verwenden musste! Kurz schlief ich ein, die Erschöpfung wiegte über, doch um 16.00 Uhr waren wir alle wieder wach und beratschlagten uns. Die Kälte war unerträglich, wir zogen in Erwägung, noch am selben Tag den Abstieg zu wagen. Doch da wir nicht in der Dunkelheit und zu Fuß bis zum Dorf El Chaupi wandern wollten, blieben wir. Noch nie in meinem Leben war mir so kalt! Und noch nie in meinem Leben habe ich 10 Dollar für so eine miese Absteige bezahlt!
Wir machten wirklich das Beste aus unserem Aufenthalt im Refugio, wärmten Tee und begannen aus Langeweile alles zu kochen, was sich an Essbarem fand. Einige Wanderer hatten schon Lebensmittel dagelassen und auch wir hatten eine Menge mitgenommen. Wir aßen Schokolade, Kokosett, Bananen, Äpfel, Schokopudding, Streichwurst, Hühnersuppe mit Nudeln, Popcorn und dann wieder Schokolade. Dazu tranken wir Unmengen an Tee, die erste Tasse dank Flo sogar mit Rum, sodass wir jede Weile das sehr kalte Klo draußen aufsuchen mussten. Wir scherzten, sangen und lachten. Als es dunkel wurde, schlüpften wir wieder in die Schlafsäcke, die mittlerweile auch kalt und feucht waren.
Um 22.00 Uhr in der Nacht tauchten plötzlich vier Wanderer auf, die uns um 4.00 Uhr wieder verließen, um den technisch um einiges schwierigeren Iliniza Sur zu besteigen. Die Jungs wirkten um einiges professioneller als wir und waren auch im Besitz besserer Ausrüstung. Draußen lag noch immer Schnee, wir vier hatten bald beschlossen, dass wir den Gipfelsturm am nächsten Tag nicht wagen würden.
Sobald es hell wurde, standen wir auf und wärmten wieder Wasser. Unser Gewand war nicht getrocknet, im Gegenteil, und das am Vortag noch trockene hatte ebenfalls die Nässe und Kälte von der Umgebung angezogen. Einzig die Kleidung, die wir die ganze Nacht am Körper getragen haben, war trocken. Nach dem Frühstück packten wir unsere Sachen zusammen und begannen den eineinhalbstündigen Abstieg.
Um 13.00 Uhr kamen wir wieder in Ambato an. Mir war zwar nicht mehr kalt, aber ich habe die warme Dusche im stillen Gedenken an die Nacht davor, ehrfürchtig genossen. Das klassische Gipfelerlebnis fehlte uns zwar diesmal, aber trotzdem hatten wir genug an Extremsituationen und Grenzen gespürt.

Donnerstag, 14. Februar 2008

#11 Fiestas de Ambato und aktiver Tungurahua

Anfang Februar war die beruehmte Fiesta de las frutas y las flores hier in Ambato. Nirgends in Oesterreich wird so bunt und froehlich gefeiert wie hier in Ecuador! Montag und Dienstag war frei, wegen der Fiestas. Wir haben uns die farbenfrohen Umzuege in den Strassen angeschaut und uns danach unters Volk gemischt. Die Strassen waren voll mit Leuten, die mit Seifenschaum um sich spritzten und mit Mehl warfen. Man spaziert durch die Strassen und attakiert einfach wildfremde Leute. Es war sehr lustig, aber wir bekamen auch genug ab.
Nach den ueberstandenen Feslichkeiten wurde unser Hausvulkan Tungurahua sehr aktiv. Am Dienstag in der Nacht ist Christina aufgeregt in mein Zimmer gestürmt: „Irene, pack di zaum, da Vulkan bricht aus!“ Schlaftrunken rappelte ich mich auf, zog mich an und ging nach unten, wo die madres und die Mädels des Projekts schon warteten. Wir verließen das Haus und gingen nach draußen, wo man den Vulkan donnern hörte. Es war unheimlich, völlig windstill, doch die Fenster der Herberge und der gesamten Nachbarschaft klirrten. Wir liefen aufs Dach, aber der Vulkan war schon mit einer dichten Aschewolke bedeckt, sodass man nichts sehen konnte. Nach einer Stunde ehrfürchtigem Lauschen gingen wir dann wieder zu Bett. Am Tag darauf sahen wir des nachts den Vulkan Lava spucken und starrten abends glühend rote Lavamassen an, die deutlich auftauchten und dann allmählich in der Dunkelheit verschwanden. Ist schon irgendwie spannend, so ein aktiver Vulkan. Was die Medien in Österreich behaupten – von wegen 14 Tote und so weiter, ist laut der Leute hier vor Ort nicht wahr. Wir haben noch nichts gehört von Verunglückten, das Militär ist lediglich dabei, die letzten Leute, die auf den Hängen des Tungurahua wohnen, zu zwangsevakuieren. Viele Menschen wollen nämlich ihre Häuser nicht verlassen, weil sie einerseits ihre Viecher nicht im Stich lassen wollen und andererseits angst vor plündernden Einbrechern in ihren Häusern haben. Von Mittwoch bis Freitag gab es keinen Unterricht in den Schulen, wir hatten daher frei.

Montag, 4. Februar 2008

#10 Fiesta de Don Bosco ohne Fotoapparat

Wie wir ja alle wissen ist am 31. Jänner Don Bosco-Tag. (¡Que viva Don Bosco!) Dafür gibt es natürlich in der Fundación Don Bosco eine ganz spezielle Feier, die am Freitag stattgefunden hat. Mit all den Kindern von Centro und Terminal wurde gefeiert. Und ich Esel habe meinen Fotoapparat daheim vergessen! Dies ist ein Versuch, zumindest einige der zahlreichen wunderschönen Eindrücke des Festes in Worte zu fassen...

● Davíd steht traurig abseits der Gruppe. Ich frage ihn verwundert, warum er sich nicht den anderen anschließt, um gemeinsam den Bus ins Centro zu nehmen, wo das Fest stattfindet. Er schüttelt den Kopf und meint traurig, kein Geld für die Fahrt mitgenommen zu haben. Ich weiß, man soll in einem Land wie Ecuador nicht wie der reiche Europäer auftreten. Aber es waren nur 20 cent, die ich ihm geschenkt habe. Und er lachte wieder.
● Im Bus sitzt die kleine Maritza auf dem Schoß ihrer Schwester Mayra und schaut mit großen Augen aus dem Fenster.
● Im Centro angekommen erwarten uns schon 80 Kinder, laufend, spielend, lachend und 10 Mitarbeiter der Fundación, achtsam, wichtig, Ordnung schaffend, um mit dem Programm anzufangen.
● Marthita und Ceci malen mit bunten Farben und Glitzer die Gesichter zahlreicher Kinder an, die in einer langen Schlange anstehen und neugierig die vollbrachten Kunstwerke betrachten: Schmetterlingsgesichter, Herzen, Früchte und Muster, die sich sehen lassen können.
● Madre Martha malt einem winzigen Kind mit Pausbacken und riesigen Rehaugen rote Herzchen auf die Wangen, ein verzücktes Oma-Lächeln auf den Lippen.
● Davíd steht stumm mitten im Raum, den Mund halb offen, auf der Stirn Denkfalten, die dunkelbraunen Augen groß auf das Geschehen um sich gerichtet.
● Madre Martha überblickt die Menge von Kindern, einen besorgt-suchenden Blick im Gesicht und ein rot gemaltes Äpfelchen auf der rechten Wange.

All diese Augenblicke auf Fotos einzufangen – das hätte ich wohl versucht, wenn ich meinen Fotoapparat bei mir gehabt hätte. Aber ob es möglich ist, solch starke Eindrücke festzuhalten und mittels Bildern später mit anderen zu teilen? Ich bezweifle es und finde mich damit ab, viele Momente einfach nur zu erleben, zu genießen und die verspürten Gefühle und das Kinderlachen als persönliche Erinnerungen tief in meinem Herzen zu vergraben.

Donnerstag, 31. Januar 2008

#9 Mein Ambato

Alltägliches aus Ecuador:
– heulende Streuner, die die ganze Nacht über Lärm machen
– Alarmanlagen, die sogar losgehen, wenn man ein Auto nur böse anschaut
– turbulente Verkehrssituationen und allgegenwärtiges Hupen

Mein Ambato überzeugt durch:
– mais-, karotten- und bohnenverkaufende Indígena-Frauen, die – oft mit Kind und immer in Tracht – am Straßenrand stehen, die vor ihnen ausgebreiteten Gaben feilbietend
– den – derzeit aktiven – Vulkan Tungurahua, den ich eines Nachts schon Lava spucken sah und der mit viel Asche um sich wirft, die an meinem Körper zahlreiche rote und juckende Punkte verursacht
– den bereits familiären Uringeruch, der mir täglich vor dem Eintreten in die Fundación am Terminal entgegenweht
– Schulkinder, die in die Fundación ins Centro zum Mittagessen kommen und danach ihr Geschirr nicht ordentlich abwaschen und von mir vorwurfsvoll auf die am Tellerrand klebenden Essensreste hingewiesen werden
– Reggaetonmusik, die an diversen Straßenecken aus CD-Geschäften schallt
– Jugendliche, die im Bus mit emotionalen Reden überzeugen und es immer wieder einmal schaffen, mir fünf Zuckerl für 25 cent zu verkaufen
– viele schwarze Augenpaare, die mich den ganzen Arbeitstag auf meinem Weg verfolgen

Tropfen auf dem heißen Stein:
– Jimmy, ein geistig zurückgebliebener Bub schreit in meinen Englischklassen als erster richtige Antworten heraus (das habe ich alternativer Pädagogik zu verdanken)
– Die Professorin von Yajaira fragt verwundert, woher die Änderung in dem Mädchen rührt: Plötzlich lacht das ernste Kind öfter, bringt regelmäßig Hausaufgaben und hat ihre Noten verbessert. Der Grund: Yajaira kommt neuerdings täglich zu uns in die Fundación Don Bosco am Terminal!

Dinge, wegen denen ich heulen könnte:
– das absolute Fehlen jeglicher Englischkenntnisse fast aller ecuadorianischen Schüler
– Jimmy ist mit seinen Hausaufgaben maßlos überfordert und trotz meiner Hilfe sitzen wir zwei Stunden daran
– dass so manches Kind schon drei Jahre in die Schule geht, aber noch immer nicht lesen kann
– und manchmal auch andere Sachen

Dinge, die mich einfach nur glücklich machen:
– Techo-Propio-Kinder, die mich zur Begrüßung lachend umarmen, wenn ich in der Schule ankomme
– auf der offenen Ladefläche einer camioneta (Pick Up) reisen
– Schuhputzerbuben, die mir auf der Straße, wenn sie mich kennen, grinsend eine schmierig-schmutzig-schwarze Hand zum Gruß entgegenstrecken
– Papayas

Dienstag, 29. Januar 2008

21 Tage im neuen Jahr

... sind bereits vergangen und ich hab grad das komische Gefühl, dass einerseits nix passiert (wenn ich mit meinen Eltern telefoniere, fällt mir zumindest irgendwie nix „Weltbewegendes”, sondern dauernd nur Kleinigkeiten ein), doch andererseits bringt jeder Tag (noch immer) viel, viel Neues und Erlebenswertes.

Was ich in letzter Zeit so gemacht hab.
--> Zu Weihnachten hab ich mich voll gegessen und sehr gemütliche Tage in Kaunas verbracht (bzw. hab ich an Weihnachten meine große Essphase begonnen und bis jetzt noch nicht abgeschlossen *gg*).

--> Zu Silvester war ich wieder mal in Vilnius auf einer Volunteers-Party mit nächtlicher Schneeballschlacht zwischen Österreich und Deutschland (und nochmals, WER hat gewonnen, DoroL? *hihi*).

--> In Kaunas bin ich viel herum”gereist”, hab mir einfach vorgenommen, viele, viele schöne Plätze zu entdecken (die ich dann ganz stolz allen zeigen werde, die mich besuchen kommen :)), einfach „mein persönliches Kaunas” zu erleben. So war ich quasi als „Touristin” auf Sightseeing-Tour, aber auch in Museen, beim Kauno Marios (Kaunasser Meer)... sehr schön!
--> Meine Kinder hab ich - damals, als noch Schnee lag - schwitzend und keuchend stundenlang am Schlitten durch die Gegend gezogen (als ich dann aber sitzen wollte und sie mich ziehen sollten, haben sie schlichtweg gestreikt!).

--> Am Berg der Kreuze in der Nähe von Siauliai war ich zusammen mit anderen Volunteers (ist schon etwas länger her, fällt mir ein).

--> Am Wochenende war ich wieder unterwegs, diesmal mit Giuliano in Nordlitauen, wieder in Siauliai, wo wir sicher zwei Stunden lang nach Postkarten gesucht haben (vergesst das an einem Sonntagnachmittag in Siauliai, ihr kriegt nur welche von Klaipeda! So seltsam es auch ist...) und abends auch in Kurtuvenai bei französischen Volunteers (die mitten im Nationalpark leben, oh, ich sag’s euch, das ist so unglaublich schön dort! Und die Sonne hat geschienen!)
--> Fast hunderttausend Briefe hab ich geschrieben und kann irgendwie nicht mehr aufhören damit.

--> Nach einigen Jahren Pause bin ich wieder in Schlittschuhe geschlüpft und schon zwei mal über die Eisarena des Einkaufszentrums „Akropolis” gewirbelt


Soweit, so gut. :-)


Auch mit der Arbeit läuft es gut. Sicher kann es auch recht anstrengend sein, wenn man nicht ganz sooo viel geschlafen hat und dann drei Kinder einfach nicht aufhören wollen zu schreien oder die Gruppenleiterin Vida eine ganze Woche lang total sauer und gestresst durch die Gegend läuft und das die Volunteers zu spüren bekommen ... aber ich mag meine Kids doch so gern! :)
Und heut hab ich erstmals auch einen richtigen „Plan” meiner ersten Aktivität gemacht und Vida vorgestellt und sie hat ihn gleich aufgehängt auf der Pinnwand und war ganz begeistert (ich will mit den Kindern einen großen Geburtstagskalender in Form einer Sonnenblume gestalten).

Von den Mistkübeln gibt’s nix Neues zu berichten.


Aaah, und, aaaah - ich habe mein Österreichisch wirklich verloren! Hab ja schon mal erzählt, dass es nicht ganz einfach ist, als eine von zwei Österreichern unter 15 deutschen Volunteers ... und Ihr wisst ja, Österreichisch ist der „schlechte” Teil der deutschen Sprache, in Österreich gibt es in genau einer Stadt Elektrizität (in Wien natürlich), wir haben auch keine Telefone sondern jodeln uns von den Berggipfeln die Neuigkeiten zu, Autos brauchen wir auch nicht (geschweige denn Busse oder U-Bahnen), wo wir doch nur wandern und am Berghang entlang klettern ... *gg* Und, jedenfalls (was ich eigentlich sagen wollte *g*), haben mich nun schon drei mal (deutsche) Volunteers angesprochen und ganz verblüfft gemeint: „Ah, du bist echt aus Österreich? Aber du sprichst ja ganz ohne Dialekt und wie wir!” Hiiiiilfe. (Juudith, gehts Dir auch so?)
Sonst ist aber alles „viskas gerai” (alles ok) und mir geht’s wunderbar. :-)

Ich grüsse Euch alle ganz lieb, schön übrigens, dass Ihr meinen Blog so eifrig verfolgt!


Bis zum nächsten Mal... Eure Sarah :)