Dienstag, 9. September 2008

Augen zu und durch! Einfach trinken! Und vergessen.


Sonst berichte ich doch meist von positiven Erfahrungen, von meinen Erlebnissen in der Arbeit, dem Lachen der Kinder, der Stadt Kaunas, die ich mittlerweile so sehr ins Herz geschlossen habe, aufregenden Reiseabenteuern ...

Heute mal anders - denn auch das ist Kaunas.

Kaunas - heißt für mich mittlerweile auch ein großes großes Alkoholproblem, ob man es nun wahrnimmt oder verleugnet wie es manche hier tun. Präsent ist es auf alle Fälle ...

Grade während der letzten Woche (eigentlich aber fast dauernd) habe ich manchmal das Gefühl, dass sich die ganze Stadt kategorisch besäuft.
Die Studenten und Schüler sind mittlerweile back in town nach den Sommerferien und abends gehts ganz schön rund ... am Sonntag und Montag sind Flaschen in riesigen Mengen am Straßenrand zu finden, die Straßenkehrer quasi im Dauereinsatz.

Aber die Altersgruppe, die es hier am meisten betrifft, sind wohl gar nicht die "Jungen". Viel mehr Männer, alle um die 40 oder 50, an ihrem Leben anscheinend gescheitert, obdachlos, ohne Job, ...

Im Zeitraffer ein paar Momente aus meiner letzten Woche -

... Im Trolleybus auf dem Weg nach Hause. Durchs Fenster sehe ich auf der anderen Straßenseite (direkt an einer befahrenen Hauptstraße) um 2 Uhr mittags einen total betrunkenen Mann, mit alten Kleidern. Er rappelt sich unendlich mühsam hoch, steht vielleicht eine halbe Minute lang, bevor er nach hinten fällt und sein Kopf auf der Fahrbahn aufschlägt.
Schließlich kommt eine junge Frau mit indischem Kopftuch und Gitarre am Rücken und hilft ihm auf.
Die Mädchen im Bus kichern, der ganze Bus glotzt.

... Einem Litauer mit amputiertem Bein, der bei der Fußgängerunterführung bettelt, lege ich ein paar Münzen in seine Kappe. "Geben Sie ihm doch nichts!", sprechen mich junge Männer daraufhin an, "der versäuft sowieso nur alles!"

... Abends allein daheim. Klopfen und Klingeln an der Wohnungstür, ich höre lallende Stimmen von draußen und hüte mich aufzumachen. Ganz wohl ist mir nicht dabei und ich bete in Gedanken, die Haustür auch abgeschlossen zu haben.

... In unserem Wohnhaus mit den vielen Türen leben hauptsächlich Studenten in kleinen Zimmern, ein Gemeinschaftsbadezimmer und -klo gibt es pro Stockwerk. (Wir sind eine der wenigen, die eine Wohnung haben)
Nachdem die Glaselemente aus den Türen bereits herausgeschlagen und durch Spanplatten ersetzt wurden, haben (angetrunkene) Nachbarn auch diese herausgerissen, in der Tür klafft nun ein großes Loch. Am Boden Sägespäne und Glassplitter. Mein Fahrrad, das ich vorm Haus an einen Zaun gekettet habe, hängt am Sonntagmorgen kopfüber über das Geländer hinunter in den Keller.

... Und dauernd, dauernd! - vormittags, mittags, abends - auf den Straßen. Völlig Betrunkene, die mit sich selbst reden, wankend über die Straßen laufen, Vorübergehende lautstark auf Russisch beschimpfen, von vorbeifahrenden Autos angehupt und von Passanten mit dem Handy fotografiert werden, taumeln, wackeln, in ihren eigenen Exkrementen sitzen, mit halbvollen Wodkaflaschen in der Hand.

Auch das ist Litauen.

Sonntag, 3. August 2008

Auf dem Rücken der Pferde und in den Gemäuern einer alten Fabrik


Labukas visiems :)

Nu, kaip jums sekasi? Cia Kaune viskas labai gerai, man geriau dabar, karstas oras, saule, mano vaikai, mano draugai ... kas dar reikia? ;)

Nur ein kleiner Litauischeinstieg, nun gehts auf Deutsch weiter, keine Angst.

Ich sitze vorm Computer, habe nach langer Zeit wieder mal Bilder sortiert und gespeichert und doch wieder eine Menge schöne Eindrücke gefunden, von denen ich euch eigentlich noch berichten wollte.
Klar, alles lässt sich niemals er- und aufzählen ... aber von diesem einem Wochenende vor 2 Wochen in Panevezys muss ich einfach noch erzählen. Hoffe, ihr seid nach wie vor interessiert and meinem Leben und Streben hier :o)

In Panevezys habe ich mich mit Lise (Frankreich) und Karo (Österreich) getroffen und wir haben zusammen die Räume der alten, geschlossenen Zuckerfabrik unsicher gemacht. Dabei sind ziemlich nette (wie ich finde) Bilder entstanden, die ich diesem Bericht beifüge.


Das ist für mich auch etwas ganz "Litauisches" ... diese alten Gebäude, viele von ihnen in dem typischen "Sowjetstil" (grau-weiß mit so speziellen Kacheln), die leerstehen und weder weggerissen noch renoviert werden. Wo Bäume aus den Mauern sprießen, Kinderbanden ihre Nachmittage verbringen (siehe Fotos!). Wo man sehr schöne Fotos knipsen kann, sich 3 von Charlies Angels am Dach fotografieren lassen. Wo Glasscherben auf großen Haufen liegen, Graffiti die Wände bedecken.


Wo es spannend ist, wo man die ehemalige Betriebsamkeit irgendwie noch im Gebäude spürt. Ich versuche mir dann die Gebäude vor 20 Jahren vorzustellen und spüre oft wirklich noch das Leben, das in ihnen war. Aufregend und irgendwie auch schön.


Also ein paar dieser Fotos :)

Am nächsten Tag hatten Lise, Karo, Anouk (auch Frankreich), ihr Freund und ich dann wieder etwas anderes vor ... seit 6 Jahren bin ich nicht mehr geritten, früher in Österreich eigentlich echt viel ... nun saß ich wieder auf einem Pferd.


Und wir hatten wirklich das "volle Programm" -
nicht sehr kleine Pferde (keine Ponys! Ich habs trotzdem auf Anhieb hinaufgeschafft *gg*),
eine Runde Schwimmen am Pferderücken im Fluss,
tausend Mücken und Fliegen am Pferdehals,
gemütliches Traben durch die tolle Landschaft um Anyksciai,
und schließlich eine Galoppstrecke mit - wirklich nicht niedrigen! - Sprüngen!!

Letzteres - zugegeben - nur, weil ich das litauische Wort nicht wirklich verstanden hatte. So waren wir etwas überrascht von den Sprüngen, aber alles ging gut :)
Und es machte seeehr viel Spaß!

Allerliebste nächtliche Kaunasgrüße!

Eure Sarah

So kleine Hände

Mit diesem Songtext von Bettina Wegner möchte ich euch wieder mal ein paar visuelle Einblicke in meine Arbeit im Kinderheim geben ...

"Sind so kleine Hände
winzge Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen
die zerbrechen dann.

Sind so kleine Füße
mit so kleinen Zehn.
Darf man nie drauf treten
könn' sonst nicht gehn.

Sind so kleine Ohren
scharf, und ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen
werden davon taub.

Sind so schöne Münder
sprechen alles aus.
Darf man nie verbieten
kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen
die noch alles sehen.
Darf man nie verbinden
könn sie nichts verstehen.

Sind so kleine Seelen
offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen
gehn kaputt dabei.

Ist son kleines Rückgrat
sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen
weil es sonst zerbricht.

Grade, klare Menschen
wärn ein schönes Ziel.
Leute ohne Rückgrat
haben wir schon zuviel."



...und dazu noch eine kleine "Geschichte" ...

Laima, ein behindertes Mädchen, kam letzte Woche zu uns. Sie ist 5 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl, hat epileptische Anfälle, ist zuckerkrank, geistig und körperlich behindert. Aber sie ist fröhlich und lacht viel.

Erst vor kurzem habe ich ihre Geschichte erfahren.
Ihre Mutter ist geistig behindert, derzeit im Krankenhaus und kann sich um ihre Kinder nicht kümmern.

Laima hat eine ebenfalls behinderte Schwester, die von ihrer Oma versorgt wird und einen (gesunden) Bruder mit 10 Jahren. Und eben er war es, der Laima während der letzten Zeit versorgt hat, als ihre Mutter im Krankenhaus war.

Irgendwann hat er sie dann zu uns ins Kinderheim gebracht - ganz alleine! - meinte noch "Ich hab ihr schon zu essen gegeben und geschlafen hat sie auch schon", dann noch "Ate!" ("Tschüss!") zu Laima und ging.
Vom Vater der Kinder wissen wir gar nichts.

Hier nun die versprochenen Fotos für euch ...

Mittwoch, 30. Juli 2008

Ganz Riga singt! Und Besuch aus Österreich!

Ihr Lieben,

unbedingt berichten möchte ich euch auch noch von dem ersten Juliwochenende, das ich bei Volunteers in Riga verbracht hab...

Ganz Riga singt? - Wieso? - Weil das größte baltische Songfestival in der lettischen Hauptstadt stattfand. Ein Festival, das nur alle fünf Jahre stattfindet. Ein Festival mit 35 000 Teilnehmern. Ein sehr besonderes Festival.

Ich muss sagen, dass ich nicht wirklich große Lust auf Sightseeing hatte, da ich sowieso etwas k.o. war und vor zwei Jahren schon eine ziemlich lange Zeit in Riga verbracht habe.

So habe ich das Wochenende gemütlich genossen, mit einer Freundin viel geplaudert, im Park im Gras geschlafen (Vorsicht - das ist illegal in Riga! Meinte danach zumindest der lettische Polizeibeamte zu mir), und viel vom Festival gesehen.

Überall singende Menschen in der traditionellen Tracht, viele, viele Open-Air-Konzerte, viele Stimmen, die Gänsehaut auf meinen Rücken brachten!

Es war so toll und spannend zu erleben, dass das Singen in Lettland einfach ein sehr wichtiger Bestandteil der Kultur ist, dass die Letten (wie auch die Litauer würde ich sagen) von Kind an singen und so viele wunderschöne alte Lieder kennen.

Das Highlight war dann ein riesiges Konzert - so etwas habe ich überhaupt noch nie erlebt! - mit 12 000 singenden Menschen auf der Bühne! Wahnsinn :). Und total schön :).

Mein "persönliches" Highlight war aber, muss ich sagen, die "singende Straßenbahn" auf der Heimfahrt vom Konzert. Der ganze Straßenbahnwagen hat spontan lettische Lieder angestimmt und wir Volunteers saßen lächelnd mittendrin. Unglaublich.

Dann ... gab's wieder mal Besuch aus Österreich :).

Diesmal von meiner großen Schwester Kathrin und ihrem Freund Peter, die ich echt schon seit November 2007 nicht mehr gesehen hatte.

Wir haben viele schöne Tage miteinander verbracht, uns an verschiedenen Orten getroffen, hatten einfach eine tolle Zeit zusammen. ... Ich habe ihnen und ihrem Bus nach Warschau durch den strömenden Regen nachgewunken und war ein bisschen traurig.

Dienstag, 29. Juli 2008

Der "offizielle" Clowntag in Kaunas



Mitte Juli. Es kam - wie es kommen musste? Sämtliche "übriggebliebene" Volunteers in Kaunas, Litauen verfallen in verschiedenste Arten von Depressionen ... zusammengefasst als die EVS-Depression schlechthin bezeichnet, vor der die Volunteers auf sämtlichen Seminaren gewarnt wurden, die keiner glauben konnte. Und doch hatte sie sie erwischt.

Was tun?

Trübsal blasen?

Nein! Das kann nicht sein!

Stattdessen etwas Verrücktes, etwas Buntes, etwas Gewagtes tun. Ja - einen "offiziellen" Tag der Clowns kreieren, sich schminken, mit den Alltagskleidern in spannendeneren Kombinationen verkleiden, die Schränke nach Sonnenbrillen, Ketten und Kopftüchern durchwülen, ein buntes Tigerfahrrad nehmen, Jonglagematerial und eine handgemachte Trommel -
- und ab auf die Straße!



Mitten in Kaunas, auf der Freiheitsallee standen also an einem bewölkten grauen Montagnachmittag 4 bunte, schräge Volunteers aus Frankreich, Deutschland und Österreich, pfiffen, winkten, riefen, trommelten ohne Rythmus, ließen sich fotografieren, bliesen Seifenblasen in die Luft, ließen einen Cowboyhut die Runde machen (ein paar Münzen fielen ja doch hinein!).

Unübersehbar.
Wie auch durch die folgenden Fotos klar wird :)


What a wonderful day!

Donnerstag, 17. Juli 2008

Mittsommer auf grünen Hügeln Oder Sarah in Lindgrens Geschichten


"Su joninu!" ... das hieß es (zugegeben, ist auch schon wieder eine Weile her...) am 23. Juni hier in Litauen tausende Male. "Alles Gute zum Mittsommernachtsfest! also.

Und so was hab ich überhaupt noch nie erlebt ... daheim in Österreich ist mir das halt als Datum für den Sommeranfang bekannt, das war's aber auch schon. Hier, doch etwas weiter nördlich, schaut das aber schon anders und viiiel interessanter und lustiger aus :)

Und das war in etwa mein litauisches Mittsommer 2008 -

Am Freitag dieses verlängerten Wochenendes fuhr ich mit Anne, Simona und einigen ihrer litauischen Freunde zu dem "Live the night!" Festival nach Vilnius.
Ewig lange durch die Gegend laufen.
Lustiges Essen und illegales Trinken in einer Pizzeria.
Sich in den Menschenmassen verlieren.
Etwas genervt sein vom strömenden Regen.
Einem wunderschönen Umzug mit riesigen Puppen, Figuren quer durch die Stadt folgen.
Dann super Konzerte.

Und es wurde und wurde nicht dunkel, noch nie zuvor fiel es mir so leicht, eine ganze Nacht lang nicht zu schlafen ... :)

Um 3 Uhr morgens waren Anne und ich noch immer auf der Suche und entdecken wirklich eine tolle Reggaeparty, so tanzten wir in den Sonnenaufgang hinein.
Meine Beine wurden irgendwann doch ziemlich müde und ich spazierte 2 Stunden durch die Stadt, bevor wir um halb 7 Uhr morgens den ersten Zug zurück nach Kaunas nahmen (dieser Zug war lustig, total voll und alle völlig fertig und müde). Daheim hieß es dann gleich mal 8 Stunden Schlaf nachholen! :)
Dann ging's weiter auf eine Abschiedsfeier.

Am "richtigen" Mittsommer war ich dann mit einigen anderen in Kernave, dem Ort, in dem dieses Fest am größten und traditionellsten gefeiert wird ...
Auch dort war wieder jede Menge los:)



Super Trampen mit Paul in einem englischen Auto (hach, war das ungewohnt), dann wurden wir vom Gewitter überrascht (nachdem wir eine halbe Stunde vorher bereits viele besorgte SMS - "Bringt euch in Sicherheit!" - aus Kaunas bekommen hatten) und pitschnass.
Dann ... fühlte ich mich irgendwo in die Landschaft und die Geschichten aus Astrid Lindgrens Bücher versetzt ...
Stellt euch vor, auf einem der vielen saftig grünen ehemaligen Burghügel zu sitzen, die Beine baumeln zu lassen, Walderbeeren auf lange Grashalme aufzufädeln, natürlich die traditionellen Blumenkränze zu basteln, auf den Nemunas zu blicken, viele viele Menschen in den Wiesen sitzen zu sehen, ...




Stellt euch vor, abends einfach nicht müde zu werden, weil es ja wirklich nur für 3 Stunden wirklch dunkel wird, dafür lange zu litauischer Musik zu tanzen, wieder auf dem Hügel zu sitzen und überall in der Dämmerung viele kleine Mittsommerfeuer aufflackern zu sehen, litauische Traditionen hautnah zu verfolgen, Salz ins Feuer zu streuen, Gänsehaut bei den alten Gesängen zu bekommen, zu Naturgöttern zu beten und ihnen für das vergangene Jahr zu danken, ums Feuer zu tanzen, um 5 Uhr morgens kepta duona zu essen, ...



Um noch mehr Eindrücke zu bekommen - hier wieder mal einige Fotos!

Seid lieb umarmt,
eure Sarah

Dienstag, 15. Juli 2008

#16 Noch ein Regenwald-Abenteuer


Mit Christinas jüngeren Schwester Kathi, die nun drei Wochen zu Besuch ist, fuhren noch mal in den Regenwald nach Puyo, um Hugo, einen dort wohnenden Quichua-Indígena, zu besuchen. Hugo lebt mitten im Urwald und besitzt weder fließendes Wasser, noch Strom, noch Handy. Wir suchten also auf gut Glück sein Haus auf und hofften, ihn dort anzutreffen.
Von Puyo geht’s Richtung Macas bis zum Kilometer 12. Von dort folgten wir einer Schotterstraße. Der Fußmarsch beträgt ca. eine Stunde, doch wir hatten Glück: eine vorbeifahrende camioneta (Pick-up) nahm uns mit bis zur Brücke. Ab der Hängebrücke geht es nur noch zu Fuß weiter. Wir folgten dem schmalen Weg nach rechts und wanderten eine halbe Stunde am Flussufer entlang über vier Brücklein aus Baumstämmen, bis wir zu einer Lichtung kamen. Dort gingen wir bergaufwärts bis zu Hugos Haus. Es besteht aus einer größeren Hütte mit Küche und Feuerstelle, einer Hütte für Touristen (mit fünf Betten und Matratzen), einem WC (!) bei dem die Klospülung jedoch nur sporadisch funktioniert, Dusche (funktioniert nicht) und ein bisschen weiter drüben Hugos Haus.
Wir kamen um vier Uhr an und fanden das Haus leer vor. Wir warteten. Hugo hat drei Hunde, zwei große schwarze Schweine und einige Hühner. In Baños haben wir noch Lebensmittel für ihn und seine Familie gekauft: drei Kilo Reis, eine Packung Öl, zwei Kilo Salz, Nudeln, Thunfisch, Schwamm, Seife, Zahnpasta, Panela, Zuckerl für die Kinder, Klopapier. Mit all dem Zeug sind wir durch den Regenwald gewandert. Wir luden es in der Küche ab.
Wir warteten bis sechs. Zum Zurückkehren war es nun zu spät. Um halb sieben würde es dunkel werden. Wir beschlossen, die Nacht über hierzubleiben. Zuerst wollten wir aber was essen, denn wir hatten seit dem Frühstück in Baños nichts mehr zu uns genommen. Wir betraten die Küche und versuchten, die Feuerstelle anzuwerfen. Es stand uns jedoch nur feuchtes Holz, ein halbes Blatt Zeitungspapier und das Öl vom Thunfisch zur Verfügung. Wir schafften es, ein morsches Stück Holz zum Glühen zu bringen und ein kleines fünfminütiges Lagerfeuer, das aber bald erlosch. Gut. Reis oder Nudeln kochen spielte es also nicht. Hungrig begnügten wir uns nur mit Thunfisch. Die nächste Herausforderung: Das Öffnen einer großen Thunfischdose. Ohne Schweizermesser. Wir sahen uns um und fanden eine Machete und einen Hammer. Es lebe die Machete! ... Wir löffelten Thunfisch in Öl und knabberten rohe Nudeln. Mmmh!
Dann legten wir uns schlafen. Es war sieben. Und stockdunkel. Wir hatten weder Leintücher, noch Decken. Nur etwas feuchte Matratzen und Polster. Mit unseren Handtüchern deckten wir uns zu.
Kathis Magen ist noch zu europäisch. Sie erbrach in der Nacht das Abendessen. Wir hatten kein Wasser mehr. Sie putzte sich die Zähne und spülte mit Cola ihren Mund aus.
Die Nacht war kalt und lang. Es regnete und ich fror. Mit meinem kleinen Handtuch konnte ich immer nur entweder meine Arme oder meine Beine bedecken. Unter dem Haus hörte man die Schweine und die Hühner in der Erde scharren. Und grunzen. Und gackern.
Am nächsten Morgen versuchten wir abermals unser Glück an der Feuerstelle. Wir rissen dafür Seiten aus unseren Tagebüchern. Doch der Tag war noch schlechter. Über Nacht hatten die Zünder die Feuchtigkeit der Umgebung angezogen und taugten nichts mehr.
In der Regentonne hinterm Haus putzten wir unsere Zähne. Wir schrieben Hugo einen Zettel mit lieben Grüßen, hinterließen die Lebensmittel, packten uns zusammen und brachen wieder auf.
Abermals hatten wir Glück. Eine camioneta nahm uns bis nach Puyo mit.

Moral von der Geschichte: Lerne, wie man ein gescheites Lagerfeuer macht – es kann nützlich sein. (¡verras, Viki!) Oder nimm sicherheitshalber immer Brot mit.

Montag, 16. Juni 2008

#15 Ein ereignisreicher Samstag


Du meine Güte, was für ein Tag war der 14. Juni! Wir machten einen Ausflug mit den Kindern der Herberge. Madre Narciza und Madre Marthita in zivil, zwei Kisten Essen, drei Volontäre und 16 Kinder wurden in die für 12 Leute zugelassene Buseta gestopft und los ging's – Marienlieder singend und Ave Marias betend. Die Tour ging mit dem Fahrrad von Baños nach Rio Verde UND ZURÜCK! Ich fuhr als Schlusslicht in einer kleineren Gruppe, die Jessica, Antonio und Franklin bildeten.
Die erste Panne hatte Franklin, dessen Bremsen nach einem Sturz klemmten. Wir werkten am Straßenrand an dem Rad herum, jedoch erfolglos. Ab und zu blieben Radfahrer stehen, um zu helfen, doch keiner hatte Werkzeug dabei. Dann blieb ein Polizeiauto stehen und Jessica erklärte den beiden Polizisten das Problem. Die Polizisten lösten die Bremsen, jedoch hängten sie dabei Bremskabel aus, sodass man nicht mehr bremsen konnte und sagten, Franklin solle langsam weiterfahren und halt mit dem Fuß bremsen! Aaaaaah! Und sowas sagt die POLIZEI! Das ist doch Selbstmord!
Wir hielten eine camioneta (Pick-up) an und hievten das kaputte Fahrrad und einen beleidigten Franklin darauf. Treffpunkt: Rio Verde.
Jessica und Antonio fuhren weiter, ich hinterher. Doch bald verlor ich sie aus den Augen. Und in meinem Blickfeld tauchte ein Tunnel auf. Sche***. Ich war alleine. (Im Nachhinein erfuhr ich dann, dass außerhalb des Tunnels ein Weg für Radfahrer vorbeiführte. Das ist mir aber damals noch nicht aufgefallen.) Ich fuhr also auf den Tunnel zu. Und hinein. Und Tunnel in Ecuador darf man sich nicht so vorstellen, wie Tunnel in Österreich. Es gibt weder Beleuchtung, noch Lüftung, noch sonst irgendwelche Hilfsmittel. Einfach nur eine finstere, steinerne Höhle. Und in meinem Fall sah man nicht mal ans andere Ende. ¡chuta! Bald war ich von totaler Finsternis eingehüllt. Ich sah absolut GAR NIX und wurde absolut GAR NET gesehen. Ich bekam angst. Wasser und Dreck tropfte von oben. Plötzlich hörte ich von hinten ein Fahrzeug kommen. Der Lärm wurde lauter und ich fand mich plötzlich in hellem Scheinwerferlicht wieder. Es war ein Bus. Es war mein Ende. Meine Angst steigerte sich zur Todesangst. Mein Herz blieb fast stehen, als der Bus hupend vorbeibretterte.
Ich lebte noch. Und war wieder von totaler Finsternis eingehüllt. Ich trat fest in die Pedale und radelte immer weiter. Vor mir tauchte Tageslicht auf und ich erreichte das Freie. Schmutzig, zitternd und erleichtert.
Ein bisschen weiter unterhalb des Tunnels war eine Menschenmenge versammelt. Ich fuhr jedoch weiter, denn ich dachte, ich müsse Jessica und Antonio einholen. Erst in Rio Verde erfuhr ich, dass Jessich, Antonio, die Madres und alle anderen Teil der Menschenmenge waren.
Passiert war folgendes: Drei Ausländer (immer diese Ausländer!) haben mit Quads ein Wettrennen veranstaltet und dabei Wilian fast übern Haufen gefahren. Sein Fahrrad ist dabei in eine Schlucht gestürzt – und er auch fast. Daraufhin sind Wilian, Gustavo, Ricardo und David in die Schlucht hinabgestiegen und total zerkratzt und schmutzig – aber MIT Fahrrad – wieder heraufgekraxelt.
In Rio Verde trafen wir dann alle wieder zusammen. Christina war mit drei Burschen der ersten Gruppe schon in der nächsten Ortschaft Machay gewesen und auf einer camioneta wieder nach Rio Verde zurückgekommen. Hier aßen wir mittag: Hendl, Erdäpfel, Mais, Meerschweinchen.
Die Rückfahrt nach Baños verlief hauptsächlich ereignislos. 1 ½ Stunden radelten wir hauptsächlich bergauf, Franklin nur mit Vorderbremse, die auf einmal wieder funktionierte. (Zumindest ein bisschen.)
Mein folgender Plan für den Abend sah so aus: Heim, um 7 Uhr treffen mit Capoeiristas, um 11 Uhr Capoeira-Präsentation in Salasaca, danach in Baños tanzen gehen und die österreichischen Volontäre dort treffen.
Bei der Heimfahrt in der Buseta nach Ambato blieben wir kurz stehen, um ein Eis zu essen. (fataler Fehler für mich, wie sich später herausstellte). In Huachi San Fransisco ging dann die Buseta ein und ich nahm den Bus heim, um rechtzeitig zu Capoeira zu kommen.
Dort ging's los: Ich kotzte an dem Tag so viel, wie in den letzten zehn Jahren nicht. Sch*** Eis. Ich habe echt gedacht, dass mein Magen nach zehn Monaten schon an ecuatorianische Spezialitäten gewohnt sei. Aber nein, ich kotzte am WC von Montenegro's Tae Kwon Do Center. Dann ging ein Freund mit mir zu einer Apotheke Tabletten kaufen. Um 20 cent kauft ich eine Tablette, auf deren Wirkung sowohl der Apotheker, als auch mein Freund vertrauten. Ich nahm sie ein, wir gingen einen Block – und ich stürzte zum nächsten Baum, um mich zu übergeben. Mein Entschluss stand: Heimgehen. Verdammtes Eis. Es tat mir sehr leid um die Capoeira-Präsentation. Aber mein Körper spielte nicht mit. Daheim übergab ich mich noch mal vor dem Schlafengehen und einmal mitten in der Nacht.
ABER ich bin noch am Leben und stürze mich in meine letzten beiden Arbeitswochen...

Samstag, 14. Juni 2008

An der Kueste entlang...

...reisten Judith (eine Freundin aus Oesterreich, die derzeit Volunteer in Lettland ist) und ich eine knappe Woche lang durch Lettland und Estland.


MONTAG - Liepaja (Lettland)

Wir treffen uns abends und stehen irgendwann um Mitternacht vor einer geschlossenen Bruecke mitten im Nirgendwo ... haben aber viel Glueck mit unseren netten Couchsurfing-Hosts, die uns mit dem Auto abholen.


DIENSTAG - Liepaja

Strandtag. Natuerlich :)

Abends erfolgreiches Hitchhiken nach Ventspils - Judith "durfte" eineinhalb Stunden lang Lettisch plaudern ... waehrend ich mich entspannte :) Aber ich glaube, es war nicht gar so schlimm fuer sie.


MITTWOCH - Ventspils (Lettland)

Wie im Hotel wohnen wir bei unserem naechsten Couchsurfing-Host, einer sehr netten Lettin. Strandtag wie immer inklusive Erdbeermatschessen, Schaukeln, Schlafen in den Duenen, Suche nach meinem Litauen-Armband, viele viele Spaziergaenge durch die Stadt, ...


DONNERSTAG - Saaremaa (Estland, Insel!)

In der Frueh 4-stuendige Faehrfahrt zur estnischen Insel Saaremaa ... Judith und ich doesen, blicken aufs Meer hinaus, amuesieren uns ueber die Durchsage "Ladies and Gentlemen, we reach now Estonian waters. In our shops you can buy alcohol" (smiiile)...

Erstes groesseres Abenteuer auf Saaremaa - wir kommen irgendwo im Nirgendwo an, lassen den Bus natuerlich vorbeifahren (wir schaffen alles trampend!) ... laufen eine gute Stunde in der Hitze eine Schotterstrasse entlang und planen bereits am Meer zu schlafen, als uns Esten mitnehmen und in die 45 km entfernte Hauptstadt Kuressaare bringen. Glueck gehabt!

Abends wieder am Strand bis wir frieren... (wie jeden Tag :))


FREITAG - Saaremaa und Paernu

Schoene 60km-Radtour (ich bin ganz schoen stolz auf uns, Judith!) zu einem wunderschoenen Badesee ("Baerensee"), Sprung ins (nicht ganz so kalte) Wasser...

Schon wieder Glueck - wir beginnen erst um halb 7 mit dem Projekt "150km Trampen und eine Faehrueberfahrt" - finden bald einen estnischen Schuldirektor, der genau denselben Weg hat, uns 130km mitnimmt und mit uns im Auto auf der Faehre zurueck aufs estnische Festland faehrt.

Abends in einer Pizzeria voller Finnen zusammen mit einem Esten und einem Finnen.


SAMSTAG - Paernu und Rueckweg

Auch den Strand in Paernu lassen wir uns nicht entgehen und diesmal springen (waten eigentlich :)) wir endlich auch ins Ostseewasser.... (mehr als 12 Grad hatte es wohl nicht) ... schooeeen :)

Zum ersten Mal leider Pech mit Trampen ... 3h lang warten wir und kommen kaum mehr als 40km voran :( ... bis uns schliesslich irgendwann ein ungarischer Truckfahrer rettet und nach Riga mitnimmt :)

Irgendwann um halb 2 Uhr morgens bin ich wieder in Kaunas.


War eine tolle tolle Woche!!


Habe dieses Wochenende einige Gaeste mit denen ich Zeit verbringe, gestern und vorgestern war ich auf Seminar - the final one - von meiner Coordinating Organization ... war ebenso schoen wie traurig... viele Abschiede kommen nun in den naechsten 3 Wochen... mh.


Iki ir ate,viso gero!!
Sarah


Pics - Eindruecke von unserer Reise...

Montag, 26. Mai 2008

Bilder sagen mehr...


...darum einfach wieder mal ein paar kunterbunte Eindruecke aus meinem Leben in Kaunas.

A long time ago...

... an Austrian girl called Sarah has written her last text for this website. :) Nein, Leute, keine Angst, ich bin weder in litauischen Seen versunken, noch von einem Trolleybus in Kaunas gerammt worden. Mir geht’s nach wie vor gut und nun berichte ich Euch sogar wieder mal etwas aus meinem Leben. :)

Back home im Grünen (die_Sarah)

Kaunas Jazz

Auch schon wieder eine Weile her, aber das hat für mich die komplette Veränderung der Stadt symbolisiert. Ende April gab’s bei uns nämlich das größte Jazzfestival im Baltikum und so hab ich wirklich mal ein ganz neues Gesicht meiner Stadt erleben können ...
... herrliches Frühlingswetter, T-Shirt-tragende Volunteers mit Sonnenbrille
... Menschen, viele, viele Menschen, die im Gras liegen, tanzen, lachen, essen
... die coolsten Partys und Konzerte seit langer Zeit
... eines der schönsten Feuerwerke, angekündigt persönlich vom litauischen Kulturminister
... einfach eine super entspannte und gemütliche Atmosphäre!!
WOW.

1000 und eine Überraschung

Gab’s dann für einige Menschen Anfang Mai, als die verrückte Sarah spontan beschlossen hatte, insgesamt 48 Stunden Busfahrt auf sich zu nehmen, um vier Tage lang in Österreich verbringen zu können.
Die Busfahrt war ein einziges Auf und Ab meiner verwirrten Gefühle. In Wien am Westbahnhof war ich verloren wie noch nie zuvor, aber alle meine lieben und wichtigen Menschen wiederzusehen, wegen derer ich gekommen bin, hat das alles wettgemacht.
Kein Mensch wusste, dass ich kommen würde - ich sag’s euch, DIESE Gesichter werde ich nie vergessen! Hihi. :) Das war schon was.
So hab ich die Tage daheim voll ausgekostet, bin danach aber auch gerne wieder heimgefahren, heim nach Kaunas.

Irgendwo im Stau bei Sonnenuntergang auf der polnischen Autobahn. (die_Sarah)

Das war der erste Streich, doch der zweite... (naja, ihr wisst ja, wie’s weitergeht :)).

Bis gleich!

Sarah

Zu den Fotos... 1) Ich wieder zuhause am Laichbergweg in Garsten Nord.
2) Auf der Heimfahrt nach Kaunas, im Stau irgendwo auf der polnischen Autobahn.

Donnerstag, 8. Mai 2008

#14 Wasak'entsa – zwischen Achuar und Giftschlangen


Robert Kaeser, die Ansprechperson vor Ort für österreichische Volontäre, verdanken wir eine einzigartige, einwöchige Projektreise nach Wasak'entsa, einer kleinen Salesianergemeinschaft mitten im Urwald Ecuadors.
Zu viert reisten wir am 28. Mai 2008 nach Macas, um von dort mit einem Kleinflugzeug zu dem 45 Flugminuten entfernten Projekt zu gelangen. Der Flug war ein unglaubliches Erlebnis. Zu fünft flogen wir mit der Propellermaschine über unberührten Primärwald und landeten schließlich in Wasak'entsa auf einer erdigen 600m langen Rollbahn.
1958 sind die Salesianer erstmals nach Wasak'entsa gekommen. 1988 ist das Projekt entstanden. Es wird mit der indigenen Bevölkerung der Achuar gearbeitet. Man hat eine Grundschule und höhere Schule gebaut und unterrichtet derzeit ca. 30 Jugendliche und Erwachsene zwischen 12 und 36 Jahren, die aus den umliegenden Dörfern stammen. Die Missionsarbeit basiert darauf, dass man Bibelstellen mit Achuarmythen vergleicht und Parallelen zieht. Man will nicht das Weltbild der Achuar zerstören, sondern mit einem neuen Gedanken nahtlos anknüpfen.

Das Leben der Achuar ist streng männlich-weiblich getrennt. Frauen und Männer schlafen, essen, studieren und arbeiten getrennt und gehen spezifischen Aufgaben und Verantwortungen nach. Man redet nicht miteinander und schon ein Blickkontakt kann als Heiratsantrag verstanden werden.
Der Tagesablauf ist ebenfalls strikt. Um 5 Uhr steht man auf, bis 6 Uhr ist Studierzeit, um 6.30 Uhr Frühstück, danach Unterricht bis 13.00 Uhr, anschließend Mittagessen. Von 13.30 Uhr bis 15.30 Uhr wird am Feld gearbeitet, Yuca geputzt und Chicha, das traditionelle Getränk, gemacht. Um 16.00 Uhr wird Ball gespielt, danach duscht man sich und um 17.45 Uhr gibt es Abendessen. Dann widmet man sich eventuellen Hausaufgaben, um 20.00 Uhr ist das Abendgebet und danach geht man zu Bett. Das Essen besteht meist aus Thunfisch, Reis, Linsen, Nudeln, Yuca und Kochbananen.

Am ersten Tag sind Christina und ich in den Genuss gekommen, Chicha herzustellen. Zum Chicha-Machen braucht man einen großen Topf, viel geputzte und geschälte Yuca, Wasser und Camote. Die Yuca wird mit dem Wasser weichgekocht, dann beginnt die eigentliche Arbeit: Camotestücke werden in den Mund genommen und zerkaut, der dabei freiwerdende Saft wird gemeinsam mit dem entstandenen Speichel in den Topf gespuckt und mit Yuca und Wasser vermischt, sodass ein Brei entsteht, der wie Kartoffelpürree aussieht. Dieser Brei wird mit bereits älterem Brei vermengt, stehengelassen, bis er vergärt, dann und wann mit Wasser aufgegossen und fertig ist die Chicha! Chicha wird den ganzen Tag über getrunken an Stelle von Wasser. Es hat eine dickflüssige Konsistenz, schmeckt säuerlich und hat etwa den Alkoholgehalt von Most.

Nachmittags wird sowohl bei drückender Hitze als auch bei strömenden Regen am Feld gearbeitet. Das einzige Gartengerät, das benötigt wird, ist die Machete. Damit werden sowohl giftige Schlangen getötet, als auch Unkraut gejätet und Löcher gegraben. Die Erde ist lehmig locker und fruchtbar feucht. Ich hatte zum ersten Mal eine Machete in der Hand, arbeitete daher um einiges langsamer und umständlicher als die Achuar-Mädels.

Samstags begleitete uns Domingo, ein Achuar, der im Projekt lebt, zum nächstgelegenen Dorf, das 45 Gehminuten entfernt liegt. Dort wohnen drei Frauen, ein Mann und seine 12 Söhne und Töchter. Wir betraten das Haus. Lehmboden, zwei Zimmer mit Holzwand getrennt, zwei Holzpritschen und einige Decken. Die Frauen empfingen uns nicht – das verbietet die Kultur – sondern das älteste Mädchen reichte uns zur Stärkung Chicha. Die Kinder trugen zerschlissene Kleidung, waren schmutzig, unterernährt, aber hübsch und fröhlich. Sie hatten keine Berührungsängste, sondern lachten uns breit aus schmalen, mandelförmigen Augen an. Wir lächelten zurück und versuchten, zu kommunizieren. Der Achuar übersetzte. Wir überzeugten sie, ein Lied für uns zu singen. Dann sangen wir für sie. „Und dann gang i ans Petersbrünnele“. Jodelten fröhlich mitten im Regenwald Ecuadors. Die Kinder freuten sich und lachten. Ich dachte an saubere, blonde Österreicherkinder, die gegen alles allergisch sind. Die Geschwister entdeckten eine Maus. Das ganze Haus stand in Aufruhr, die Kinder packten Stöcke und jagten aufgeregt die Maus. Sie fiel von der Decke zu Boden. Ein Bub erschlug sie und lächelte stolz und zufrieden. Der Hund schnappte sie und trug sie nach draußen. In Österreich schrie indessen ein kleines Mädchen, weil in ihrem Kinderzimmer in der Ecke eine Spinne hockte. Auf dem Heimweg schüttete es aus Kübeln einen richtigen Regenwaldregen. Martin pfiff ironisch „English Summer Rain“. Wir waren patschnass. Und vergnügt.

Am 5. Mai 2008 flogen wir zurück nach Macas. In die Zivilisation. Gemeinsam mit einer kranken Achuar-Frau, die von einer Giftschlange gebissen worden war.

Montag, 21. April 2008

#13 Kinder Ambatos


Joselyn ist 11 Jahre, geht aber erst in das dritte Jahr der Grundschule. Nachmittags kommt sie in die Fundación Don Bosco am Terminal, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Sie hat sieben Geschwister, ihre aufgeweckte kleine Schwester Diana und ihr kleiner Bruder Patricio besuchen ebenfalls unser Projekt. Die Kinder stammen aus einer armen Familie, meine Kollegin und ich vermuten, dass sie auch nicht genug zu Essen haben, denn einmal saß Diana unterm Tisch und aß vom schmutzigen Boden Popcorn, die einem anderen Kind versehentlich runtergefallen sind. Ein andermal schmiss ein Bub im Projekt absichtlich Brot zu Boden. Meine Kollegin schimpfte ihn und hob das Brot auf, um es wegzuwerfen, aber Diana bat darum und aß es komplett auf.
Die Mutter arbeitet tagsüber und der Vater ist Alkoholiker. Zuhause kann den Kindern keiner bei den Hausaufgaben helfen. Die Kinder wirken sehr vernachlässigt, tragen schmutzige Kleidung und haben Läuse und Schuppen im ungewaschenen Haar.
Joselyn hat außerdem Lernschwierigkeiten, vielleicht ist sie sogar geistig ein wenig beeinträchtigt. Sie kann immer noch nicht schreiben und kennt auch die Zahlen nicht. Sie verwechselt oft das „n“ mit dem „e“ und damit sie ein Wort schreibt muss man es ihr sehr, sehr langsam vorsagen, oder sogar Buchstabe für Buchstabe diktieren. In der Schule hat man sie vermutlich aus Mitleid aufsteigen lassen, denn der verlangte Stoff entspricht nicht ihren Fähigkeiten. Momentan lernt sie Multiplikationen und ist völlig überfordert. Sie kann sich unter einer abstrakten Zahlenfolge nichts vorstellen, denn sie hat schon Schwierigkeiten mit den Zahlen von 1 bis 10. Zweistellige Zahlen kann sie außerdem nicht einmal lesen. Ich bin sehr pessimistisch, dass sie dieses Jahr schaffen wird.
Leider haben wir bis jetzt noch nicht die Gelegenheit gehabt, mit ihren Eltern Kontakt aufzunehmen, denn es wäre gut für sie, im nächsten Jahr in unser Centro Pedagogico Don Bosco zu wechseln.

Ein Bub, der zu uns zum Terminal kommt, um seine Hausaufgaben zu machen, heißt Richard. Seine Eltern haben ihn verlassen und er lebt mit seiner Großmutter. Er geht in das zweite Jahr der Grundschule und hat das Jahr schon zweimal verloren, ein drittes Mal darf nicht wiederholt werden.
Er kann zwar schnell abschreiben, versteht aber nicht, was er schreibt, denn er kann nicht lesen. Ich habe schon mehrmals versucht, ihm zu helfen. Einmal wollte ich ihm die Vokale beibringen, aber es war, als würde ich gegen eine Wand reden. Richard konzentriert sich nicht, er gibt mir immer Antworten, ohne nachzudenken, rückt unruhig auf seinem Stuhl hin und her und quängelt. Er will nicht lernen.
Vor einigen Wochen ist seine Großmutter verärgert ins Projekt gekommen und hat sich beschwert. Sie hat uns Vorwürfe gemacht und gesagt, dass wir Richard doch lesen lassen sollen, was er schreibt, denn sie könne nicht lesen. Wir haben der Großmutter erklärt, dass wir unser Möglichstes versucht haben, doch er sei einfach nicht aufnahmefähig. Die Frau antwortete: „Dann schlagt ihn halt!“. Die Erziehungsmethoden mancher Menschen sind schon schockierend. Ich konnte nicht fassen, dass die Großmutter von uns verlangte, ihr Enkelkind zu schlagen.
Die Erfahrung, die ich mit Richard gemacht habe, ist das Gefühl von Resignation. Ich mag Richard, ich hätte ihm wirklich gerne Lesen beigebracht, aber es gibt offenbar Kinder, denen kann man nicht helfen. Eigentlich sollte die Wissbegierigkeit einem jeden Kind innewohnen, aber es gibt scheinbar Ausnahmen. Richard ist ein Bub, der nicht lernen will, der sich dagegen sträubt und nichts aufnehmen will. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich in so einem Fall auch nichts machen kann, denn es liegt nun an ihm, einen Schritt weiterzugehen.

Mittwoch, 2. April 2008

Früüühling!

Hediho an alle ...

ja, endlich endlich ist Ende April auch in Litauen der Frühling eingekehrt. Und zwar so richtig, mit 13 Grad plus, Vogelgezwitscher und Sonnenschein. War auch wirklich Zeit, um ehrlich zu sein, ist mir der dauernde Nieselregen und Schnegestöber Ende März doch schon ein wenig auf die Nerven gegangen ... aber nun! - Kriechen alle aus ihre Winterhöhlen hervor und man scheint richtig zu spüren, dass alle aktiver werden und mit mehr Energie durch die Straßen laufen. Das tut gut :)

Allerdings war das Sonnenwetter auch nur 3 Tage lang hier bei uns, heut ist es schon wieder total bewölkt und von Sonne keine Spur ... tja, that's Lithuania. Weiß ich mittlerweile ja schon.

So lange bin ich ja auch noch gar nicht zurück in Kaunas ... nachdem ich letzte Woche 4 Tage lang – mit 4 anderen (männlichen) Volunteers aus Deutschland, Italien und Österreich – in der norwegischen Hauptstadt Oslo verbracht habe. Waren schöne Tage, auf jeden Fall, auch wenn das Wetter ziemlich fies und mies war ... Regen und Schnee eben wieder mal.



Einige Impressionen dieser Reise -
--> Oslo ist teuer, aber so richtig. Laut Norwegern soll es sogar eine der teuersten Städte der Welt (!) sein – glaub ich sofort! Preise wie (umgerechnet) 18 Euro für eine Pizza, 9 Euro für ein kleines Bier in einem Pub, 8 Euro für eine Tageskarte für die Öffis oder 20 Euro für 15min Zugfahrt haben uns anfangs doch ganz schön erschreckt ... irgendwann war uns das dann aber beinahe egal, schließlich kommt man ja auch nicht alle Tage nach Oslo :) Und der Satz „Hey, that's really cheap!!“ wurde zum Running-Gag ... :)

--> Oslo ist hip und cool und trendy. Allein an den Secondhandshops merkt man, dass man nicht mehr in Litauen ist. Manche der Klamotten sahen aber echt so aus, als wären sie einer Komödie aus den 60er-Jahren entsprungen. Ich hab mich amüsiert und sicher eine Stunde lang dort verbracht :)

--> Ich hatte das Gefühl, dass Norwegen (wahrscheinlich Skandinavien im Allgemeinen) dem Westen Europas nochmals 10 Jahre voraus ist ... es gibt kaum Arbeitslosigkeit (im Gegenteil, es leben einfach zu wenig Menschen in diesem Land) ... ein super Sozial- und Bildungssystem ... der Mindestlohn liegt bei 1200 Euro ... keine Studiengebühren ... wahrscheinlich ist mir das auch im Vergleich zu Litauen nochmals stärker aufgefallen, aber es erschien mir alles so organisiert, so diszipliniert, mit System, die Menschen so extrem hilfsbereit und freundlich (und ihr Englisch ist unglaublich!)

--> Grönland, ein Viertel Oslos hat es mir besonders angetan. Es ist das Viertel der Einwanderer (und davon gibt es richtig viele) ... an den Straßen reihen sich Obsstände, libanesische Cafes, türkische Restaurants und indische Kleidungsläden aneinander ... die Stimmung ist fast schon orientalisch. Besonders eindrucksvoll war der Moment, in einem Cafe zu sitzen (der Besitzer kam aus dem Libanon), sich umzublicken und zu merken, dass unter all den vielen anderen Gästen keiner mit weißer Hautfarbe ist. Wow.

--> Ich will wiederkommen und habe meine Idee der Skandinavienreise mehr im Kopf als zuvor! Nicht nur Oslo ... ich will Mitternachtssonne erleben, Fjorde sehen und ans sogenannte „Ende der Welt“ fahren ...

Soweit zu Oslo :)

Zuvor haben mich meine Eltern in Kaunas besucht, war sehr schön, sie hier zu haben, auch wenn die Zeit relativ kurz war. Ein bisschen gereist sind wir in Litauen, 2mal waren sie in Lopselis mit (meinen Papa hätten sie beinahe dort behalten, weil er so gut mit den Kids umgehen konnte :)), geplaudert haben wir viel – schön! :) Auf jeden Fall haben sie ein Stück meines Lebens hier mitbekommen und können sich nun wohl doch ein viel besseres Bild machen ...



Ein langes Wochenende (Ostern), Ostermontag. Ich wache auf, „Was mach ich heute nur?“ - Eine Eingebung, „Ich will das Meer sehen“. Mit Rucksack und Schlafsack mache ich mich auf, gurke mit dem Bus stundenlang durch Litauen, weiter nach Klaipeda und von dort mit der Fähre auf die Kurische Nehrung. Ich sage euch, die litauische Küste ist ein Geheimtipp. Endlos langer und schöner Sandstrand. 4 Stunden spazierte ich am Meer entlang, sammelte Bernstein, saß im Sand und schrieb Briefe, und erlebte am Ende noch einen wunderschönen Sonnenuntergang.



Nicht ganz geplant verbrachte ich dann 4 Stunden abends wartend am Busbahnhof in Klaipeda, dachte schon, dass ich festsitzen würde, als dann um Mitternacht endlich ein Bus mit Weißrussen auf dem Weg nach Minsk über Kaunas fuhr und mich mitnahm :) Puh.



Irgendwie ist es dauernd abenteuerlich und spannend ... gestern war ich in Vilnius mit Anne (Deutschland) und Masha (Moldawien) ... Trampen funktionierte toll, in Uzupis (der unabhängigen Republik in Vilnius) war Unabhängigkeitstag und wir bekamen wirklich unsere erwünschten Stempel in den Reisepass ... und ich weiß wieder, warum ich hauptsächlich trampe. Wegen der Leute, der Begegnungen, die ich mache.
Bei der Hinfahrt ein junger Litauer, der uns allen Eis kaufte. Bei der Rückfahrt der Leiter der evangelischen Diakonie Litauens, der uns ganz enthusiastisch zu Gottesdiensten einlud und uns seiner Gemeinde vorstellen will. ... :)

In Lopselis war gestern große Geburtstagsparty – mein Lieblingsmädchen und „Lausmensch“ Karolina wurde 3!! :) War sehr witzig, wie sie alle da saßen mit den Partyhüten auf dem Kopf und Sakotis (Baumkuchen) mampften :) Auch Vida war in bester Laune und verrückt wie eh und je.
Bald möchte ich mein neues Projekt beginnen ... Lopselis mag ich so :)




Gerai, dann viso gero für euch alle und bis zum nächsten Mal!

Eure Sarah.

Donnerstag, 13. März 2008

Von Nieselregen, Trampen by Truck und einer beeindruckenden polnischen Hauptstadt

Episode 2 .. folgt nun wirklich gleich, heute bin ich mal richtig fleissig :o)


Also, von den Festen hab ich berichtet. Von den Reisen noch nicht. Waehrend der letzten Wochenenden hat es mich selten "nur" in Kaunas gehalten, ich bin einige Male nach Vilnius gefahren, einmal auch mit Anne, EVS aus Deutschland, zum Kasiukas-Markt (oder soaehnlich) ... einem riesigsten Markt mit hunderttausend Staenden mit Kunsthandwerk und auch Touristenzeug. Hat sich ausgezahlt :)


Dann, die naechste groessere Reise hab ich grad hinter mir ... und zwar 5 Tage in Polen. Am Samstag gings los, natuerlich per Trampen, am Anfang war ich doch etwas skeptisch, wie 400 km trampen funktionieren werden und befuerchtete bereits, dass wir um 10 Uhr abends in the middle of nowhere irgendwo in Polen festsitzen und nicht weiterkommen.Als wir dann aber kurz darauf in einem gemuetlich-warmen Truck sassen, der uns ueber 200 km weit mitnahm, verflogen meine Zweifel im Nu ... ich sags euch, Trampen in Polen ist echt einfach und es ging viel viel schneller als gedacht und schwuups, haben wir die polnische Hauptstadt erreicht.


Von Warschau hab ich bisher nur gehoert ... graue dunkle triste Stadt ... es gibt nix zu sehen ... polnisch eben ... muss man nicht hin.Das alles kann ich widerlegen und nur sagen - da muss man hin! :)Ich habe selten zuvor eine so spannende, wunderschoene Stadt erlebt und noch dazu eine, die nach dem Krieg zu 85 Prozent zerstoert war und wieder aufgebaut wurde ... Wahnsinn.


Wir waren 3 Tage lang von frueh bis spaet unterwegs ... Altstadt, Neustadt, Parkanlage und Schloss Wilanow, Chopin-Museum, Kunstgalerie, polnische Volkskueche, sauteures polnisches Luxuscafe, langer Rundgang im juedischen Viertel (ich fuehlte die Geschichte dieser Stadt oft sehr praesent, vieles im ehemaligen Ghetto wirkte nach wie vor stark auf mich, sehr bewegend, sehr sehr erschreckend), Praga (der einzige Teil der Stadt, der nicht zerstoert wurde), abends in supergemuetlichen polnischen Bars ...

Nach 3 Tagen waren wir alle ganz schoen muede :o)


Eine weitere Reise wird's fuer mich dann Ende Maerz geben, da gehts dann los nach Norwegen, nach Oslo. Freu mich schon sehr :)


Eine Reise der etwas anderes Art liegt ebenfalls hinter mir, und zwar der Umzug in eine neue Wohnung. Bis heute habe ich nicht begriffen, warum wir aus der alten schoenen Wohnung ausziehen mussten, ewig lange haben wir (meine Mentorin hauptsaechlich) gesucht ... und vor 2 Wochen sind wir in unser tolles neues Heim umgezogen!
Perfekte Lage mitten im Zentrum, und der Luxus von riesigen Zimmern (meines ist wieder mal Partyroom :o)), Mikrowelle, Wasserkocher und ... tatatarataa - Waschmaschine!! :)
Diese mag mich aber uebrigens nicht, und ich sie auch nicht mehr. Gestern hat sie mich mit einer Wasserfontaene und Waschmittel bespritzt (kann ich doch nicht wissen, dass man eine Waschmaschine nicht oeffnen soll, wenn sie eingeschaltet ist!), heute hat sie schlichtweg beim Schleuderprogramm gestreikt und ich habe tropfnasse Waesche zum Trocknen aufgehaengt. Naja, vielleicht ist es auch nicht ihre Schuld, sondern ... ein bisschen auch meine. Man merkt irgendwie, dass das meine erste hautnahe Begegnung mit einem solchen Geraet ist :o) Jaja, auch so wird man selbststaendig, Mama ... *smile*


Mein Zimmer ist sooo gross, dass es langsam zum Hostel wird, die Gaeste geben sich beinahe schon die Tuerklinke in die Hand ... kaum gehen welche, kommen auch schon die naechsten. Mir macht es Spass :o)


Uebers Wetter will ich gar nicht viele Worte verlieren ... in Warschau war es herrlich, der blaueste Bilderbuchhimmel den man sich nur vorstellen kann und fruehlingshafte 15 Grad ... hier in Kaunas: NIESELREGEN. Was sonst?!


Ja, ein Drittel meines EVS ist nun schon wirklich vorbei ... so oft habe ich das Gefuehl von "Leben pur" hier (das soll nicht heissen, dass mein Leben vor dem EVS nicht spannend oder ausgefuellt gewesen ist, auf keinen Fall ...) ... Anne hat mal gemeint, dass sie hier irgendwie naiver wird, vielleicht stimmt das auch, aber positiv gesehen.

Und es sind hier so viele starke Momente - in einem Truck zu sitzen, von dem polnischen Fahrer, der weder Deutsch noch Englisch kann, auf einen Kaffee eingeladen zu werden und durch Polen zu duesen. - Geimeinsam mit meinen Kids zu lachen und sich zu freuen, wenn wieder mal eines laut "Salaaaah!" (das "r" ist eben schwierig!) ruft. Wenn ich nichts zu tun habe, einfach in meiner LieblingsWG zu sitzen, Shisha zu rauchen, sich einfach gut zu fuehlen. Zu merken, wie sehr ich manche Menschen hier vermisse, wenn ich sie laenger nicht sehe, zu merken, dass sich auch hier nahe Freundschaften aufbauen werden.


Freiheit. Freude. Eindruecke. Spontaneitaet. Abenteuer. Leben pur.


Eure Sarah

"Sarah, sag mal, gibt's dich noch ...?" ...


... jaaaaaa, mich gibts noch! Aber, shame on me, mein letzter Eintrag ist sage und schreibe mehr als 5 oder gar 6 Wochen aus ... oi. Nun wird es aber Zeit, von den letzten Ereignissen zu berichten. Also los ...



5. Februar - habe ich die Litauer doch wieder mal unterschaetzt? Die sonst so verschlossenen, zurueckhaltenden Menschen sind - zumindest bei meiner Einrichtung Lopselis - nicht wiederzuerkennen. Alle sind verkleidet, Kids wie Sozialarbeiter und meine 4 Arbeitsstunden verbringe ich damit, gemeinsam mit ihnen durch das ganze (grosse!) Gebaeude zu ziehen als bunter Karnevalszug mit Akkordeonspieler und in jedem einzelnen Raum zu singen und tanzen und dabei jede Menge Suessigkeiten zu sammeln. Ich glaub, ich hab selten zuvor sooo viel gegessen ... Ausserdem bieten sie mir harmlosen "Erdbeersaft" an, der sich nach dem ersten grossen Schluck als litauischer Wodka entpuppt (es war so klar) und ja ... irgendwie sind alle ganz schoen verrueckt. Und irgendwie gefaellt mir das :)

13. Februar - ich beschliesse, den Valentinsttag konsequent zu ignorieren, ahne allerdings schon Schlimmes, als Vida, meine Chefin, mich bereits 40 rote Kartonherzen ausschneiden laesst ... und meine Ahnung taeuscht mich nicht ...



14. Februar - ... als ich am Valentinstag Lopselis erreiche, werde ich gleich mal mit roten Herzen beklebt, mit bunten Herzen bemalt und nebenbei versuche ich auch noch, rote Herzluftballons aufzublasen (natuerlich zerplatzt mir einer mitten im Gesicht und ich werde noch roeter ... :)) ... danach werden alle Kinder geschminkt (mit Herzen, was sonst!) und ich trinke Baileys. Und das um 10 Uhr morgens. Das ist auch Litauen.

Jaja ... wenn es Feste zu feiern gibt (welcher Anlass auch immer), sind die Litauer kaum mehr zu halten ... ich bin schon gespannt auf Ostern, das kann ich euch sagen!
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In Lopselis laueft es also - wie ihr lesen koennt - supergut. Es ist echt ein tolles Gefuehl, wenn Vida in der Frueh zu mir (!!) kommt und mich fragt, was wir heute machen werden. Irgendwie werd ich hier nicht nur zur Kindergaertnerin und Entertainerin, sondern auch zur Floristin und Dekorateurin ... seit Tagen sind wir mit der Fruehlingsdeko beschaeftigt, ich muss nicht mit den Kids rausgehen, Vida behaelt mich dauernd bei sich um meine Meinung zu hoeren. Die lautet meistens "Labai grazu".

Ich fuehle mich hier gebraucht und sinnvoll und wichtig und merke, dass ich immer unterstuetzt werde und meine Ideen sehr schnell umsetzen kann. Einiges habe ich schon allein mit den Kindern gearbeitet, oft helfe ich eben ... einige Ideen habe ich auch noch. Und es macht Spass!!! Hui :D